Was ist die Sichelzellerkrankung?
Es ist eine weltweit verbreitete erbliche Erkrankung der roten Blutkörperchen, die sich aber im ganzen Körper und in fast allen Organen auswirken kann.
Warum sind bei der Sichelzellerkrankung die roten Blutkörperchen krank?
Rote Blutkörperchen, die man auch Erythrozyten nennt, sind kleine, runde Scheiben, die im Blut den Sauerstoff von der Lunge in alle Teile des Körpers bringen. Der Sauerstoff ist in den roten Blutkörperchen an das Hämoglobin gebunden. Das Hämoglobin heisst auch roter Blutfarbstoff, da durch ihn das Blut die rote Farbe hat.
Wenn man die Sichelzellerkrankung hat, hat man im Blut nicht den normalen roten Blutfarbstoff, den man Hämoglobin A (HbA) nennt, sondern einen krankhaft veränderten roten Blutfarbstoff, das Hämoglobin S (HbS). Dieser veränderte rote Blutfarbstoff macht aus den runden, glatten, weichen und gut im Blutstrom beweglichen roten Blutkörperchen spitze, harte, lange Zellen, die wie Sicheln aussehen und die deshalb den Namen Sichelzellen bekommen haben.
Abb. 1
links (oben)
: Gesundes rotes Blutkörperchen
Abb. 1 rechts
(unten): Sichelzelle
Wo gibt es die Sichelzellerkrankung?
Die Veränderung
der Erbanlage
(=Mutation) für das Hämoglobin S ist vor vielen hundert
Jahren
in West-und Zentralafrika und auf der Arabischen Halbinsel entstanden.
Von
diesen Gegenden aus hat sich das veränderte Gen und die Krankheit
nach
allen Richtungen ausgebreitet. Wir finden Sichelzellerkrankungen heute
im
östlichen Mittelmeerraum (Griechenland, Süditalien,
Türkei),
im Mittleren Osten (Libanon, Syrien, Iran, Irak, Arab.
Halbinsel),
Indien, Afghanistan, Pakistan. Nach Nord-und Südamerika
ist die Erkrankung durch den Sklavenhandel gelangt.
In der Türkei
kommt
die Sichelzellerkrankung hauptsächlich im Süd-Osten vor, in
der
Gegend um Adana, Mersin, Iskenderun. In Nordeuropa, d. h. in Deutschland,
Frankreich,
England, Holland, Belgien, Skandinavien gab es die
Erkrankung früher nicht. Sie ist durch Einwanderer aus dem
Mittelmeerraum, Afrika und Asien zu uns gekommen.
Warum wird man krank, wenn man Sichelzellen hat?
1. Sichelzellen
können in den Blutgefäßen steckenbleiben, weil sie
nicht so glatt, rund und beweglich sind wie die gesunden roten
Blutkörperchen. Wenn ein
Gefäß durch
Sichelzellen
verstopft ist, kommt kein Sauerstoff mehr in das Gewebe.
Sauerstoffmangel
führt zur Zerstörung des Gewebes und es werden Stoffe
gebildet,
die Schmerzen auslösen. Heftige Schmerzen, die auch als
Schmerzkrisen
bezeichnet werden, entstehen vor allem in den Knochen durch
Verschluß
von Blutgefäßen im Knochenmark. Werden Blutgefäße
in
anderen Organen (Lunge, Niere, Gehirn, Leber) durch Sichelzellen
verschlossen,
kann es zu Schädigung dieser Organe kommen.
2. Sichelzellen zerfallen schneller als gesunde, runde Blutkörperchen und es entsteht eine Blutarmut (=Anämie), obwohl das Knochenmark vermehrt arbeitet. Da fast alle Sichelzellpatienten eine chronische Anämie haben, wurde die Sichelzellerkrankung früher auch Sichelzellanämie genannt.
3. Sichelzellen verstopfen besonders häufig, meist schon im ersten Lebensjahr, die Gefäße der Milz. Die Milz ist ein sehr wichtiges Organ zur Abwehr einiger Bakterien (z. B. Pneumokokken). Wenn immer wieder Gefäße verschlossen werden, wird das Milzgewebe so geschädigt, dass es seine Aufgabe, den Körper vor Pneumokokken zu schützen,nicht mehr erfüllen kann. Sichelzellpatienten, vor allem Kinder in den ersten Lebensjahren, sind gefährdet durch Infektionen, vor allem aber Pneumokokken-Infektionen, die lebensbedrohlich sind, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt werden. Um Kinder mit Sichelzellerkrankungen vor diesen Infektionen zu schützen, müssen sie vom 3. Lebensmonat bis zum 5. Lebensjahr täglich Penizillin nehmen. Es gibt auch eine Impfung gegen Pneumokokken, die ab dem 3. Lebensmonat gegeben werden soll.
Wie bekommt man die Sichelzellerkrankung?
Die
Sichelzellerkrankung wird vererbt. Jeder Mensch hat für alle
Eigenschaften seines Körpers, wie Haarfarbe, Größe,
Farbe der Augen usw. zwei Erbanlagen (=Gene), eine vom Vater und eine
von der Mutter. Auch die Zusammensetzung unseres roten
Blutfarbstoffes wird von Genen bestimmt, die sowohl vom Vater als auch
von
der Mutter stammen. Wenn man vom Vater und von der Mutter die Gene
für
den normalen roten Blutfarbstoff, das Hämoglobin A, geerbt hat,
hat
man gesunde rote Blutkörperchen. Wenn man vom Vater und der
Mutter
die Gene für den veränderten Blutfarbstoff, das
Hämoglobin
S, geerbt hat, hat man die Sichelzellerkrankung. Im Blut ist nur
verändertes
Hämoglobin, das die roten Blutkörperchen lang und spitz, also
sichelförmig
werden läßt.
Es gibt ausser dem Gen
für das Hämoglobin S noch andere Gene, die den roten
Blutfarbstoff krankhaft verändern. Wenn jemand von einem
Elternteil das Hämoglobin S geerbt
hat und vom anderen das Gen für entweder die
ß-Thalassämie oder das krankhafte Hämoglobin C, D,
OArab oder Lepore, hat er ebenfalls eine Sichelzellerkrankung.
Hat man eine Sichelzellerkrankung, wenn man nur von einem Elternteil das Gen für das Hämoglobin S erbt, vom anderen aber das normale Hämoglobin A?
Nein. Wenn jemand nur von einem Elternteil das Gen für das veränderte Hämoglobin S erbt, vom anderen Elternteil aber das Gen für den normalen roten Blutfarbstoff, Hämoglobin A, dann ist dieser Mensch ein Träger der Sichelzell-Erbanlage. Ein Träger hat ca. 40% Hämoglobin S in seinem Blut, ist nicht krank, kann allerdings die Erbanlage für die Erkrankung an seine Kinder weitergeben. Deshalb ist es wichtig zu wissen, ob man Träger ist. Die Trägerschaft verändert das Blutbild nicht. Um herauszufinden, ob jemand Träger der Erbanlage für das Hämoglobin S ist, muß eine Blutuntersuchung, eine Hämoglobin-Analyse, in einem Spezial-Labor gemacht werden.
Wie stellt man fest daß jemand die Sichelzellerkrankung hat?
Wenn jemand aus einem der Länder kommt, in denen die Sichelzellerkrankung vorkommt, und eine Blutarmut (=Anämie) hat und/oder häufige, unklare Knochenschmerzen, muß eine Hämoglobin-Analyse durchgeführt werden, um die Diagnose zu stellen.
Warum habe ich die Sichelzellerkrankung und meine Schwester (mein Bruder) nicht?
Wie bereits
erwähnt hat
jeder Mensch doppelte Erbanlagen (Gene) für alle
Körpereigenschaften, auch die des Blutes, von seinen Eltern
geerbt. Wenn ein Kind geboren wird, hat es ein Gen vom Vater, das
andere von der Mutter in sich.
Wenn jemand Träger
der
Sichelzellanlage ist, hat er zwei unterschiedliche Gene für den
roten
Blutfarbstoff : ein Gen für das gesunde, normale Hämoglobin,
das
Hämoglobin A, und ein verändertes Gen für das
Hämoglobin S. Ein Träger gibt entweder das gesunde Gen an
sein Kind weiter, oder das veränderte. Wenn beide Eltern
Träger des Gens für Hämoglobin S sind, gibt es drei
Möglichkeiten für die Kombination von Genen, die die Kinder
erben können. Welches Gen das Kind vom Vater oder der
Mutter erbt ist rein zufällig.
1. Das Kind erbt von
beiden Eltern
deren gesundes, normales Gen für Hämoglobin: das Kind ist
gesund
und hat nur Hämoglobin A.
2. Das Kind erbt von
beiden Eltern
deren verändertes Gen, das Gen für Hämoglobin S.
Das
Kind hat die Sichelzellerkrankung und hat kein normales Hämoglobin
A.
3. Das Kind erbt von einem
Elternteil
das gesunde, vom anderen das veränderte Gen. Das Kind ist gesund,
hat
ca. 35-40% Hämoglobin S, aber auch > 50% normales
Hämoglobin A in seinem Blut. Es trägt die Anlage
für die Sichelzellerkrankung und kann sie an seine eigenen Kinder
weitergeben.
Abb2. Beide Partner tragen die HbS-Anlage (AS): es können kranke (SS) und gesunde Kinder (AA, AS) geboren werden.![]()
Kann man die Sichelzellerkrankung heilen?
Ja. Allerdings nicht durch Medikamente, sondern nur durch eine Knochenmark (Stammzell) - Transplantation. Da eine Knochenmarktransplantation mit Komplikationen verbunden ist und in einigen Fällen auch tödlich ausgeht, ist es eine Therapieform, die bis jetzt für nur wenige Sichelzellpatienten gewählt wurde. Weltweit wurden bis jetzt ca. 250 Sichelzellpatienten transplantiert, fast alle waren Kinder < 16 Jahre. Inzwischen ist ein Verfahren (Konditionierung) entwickelt worden, das es erlaubt, auch Erwachsene mit Sichelzellkrankheit zu transplantieren, allerdings nur, wenn es einen passenden (HLA-identischer) Familienspender gibt.
Kann man die Sichelzellerkrankung behandeln?
Ja. Kinder unter 5
Jahren können vor lebensbedrohlichen Pneumokokken-Infektionen
geschützt werden durch die tägliche Gabe von Penizillin
und durch eine Impfung gegen Pneumokokken. Infektionen werden
mit einem der Infektion entsprechenden Antibiotikum behandelt. Bei
Schmerzkrisen müssen neben ausreichender Flüssigkeit
Schmerzmittel gegeben werden, die der Schwere der Schmerzen
entsprechen, d. h. manchmal sind starke Mittel wie Morphium notwendig
für einige Tage.
Bei einigen Komplikationen
der
Erkrankung müssen Bluttransfusionen gegeben werden.
Seit einigen Jahren wissen
wir,
dass Sichelzellpatienten, die sehr häufige und schwere
Schmerzkrisen bzw. häufige schwere Lungenkomplikationen haben,
wesentlich weniger Probleme
haben wenn sie Hydroxycarbamid nehmen. Hydroxycarbamid ist
ein Medikament,
das zu den sog. Zytostatika gehört, d. h. zu den Medikamenten, die
man
u. a. auch bei Leukämien einsetzt. Hydroxycarbamid verändert
nicht
nur die Zusammensetzung des roten Blutfarbstoffes, es beeinflusst auch
die
roten Blutkörperchen und hilft mit, dass sie die Blutgefässe
nicht
verstopfen. Es gibt inzwischen (2010) Erfahrung mit der langfristigen
Gabe dieses Medikamentes. Bei Patienten, die 17 Jahre lang
Hydroxycarbamid genommen haben, sind nicht mehr bösartige
Krankheiten aufgetreten als bei Patienten, die es nicht nahmen. Es
scheint auch keine Fehlbildungen bei Kindern zu verursachen, deren
Mütter oder Väter zur Zeit der Zeugung Hydroxycarbamid
genommen haben. Es wird z. Z. überlegt, ob man Hydroxycarbamid
auch Sichelzellpatienten geben soll, die nicht so schwer betroffen sind.
Bei einigen Komplikationen
(z.
B. Gallensteine, die Beschwerden verursachen; sehr große Milz,
die
die Blutzellen vernichtet; Schmerzen in den Hüftgelenken) kann
durch
eine Operation geholfen werden.
Kann man etwas tun um Schmerzkrisen zu verhindern?
Ja. Da Schmerzkrisen
ausgelöst werden können durch Unterkühlung, zu wenig
Flüssigkeit und Infektionen sollten Sichelzellpatienten sich
folgendermaßen verhalten:
Nicht in kaltem Wasser
schwimmen; sich bei Kälte entsprechend warm anziehen;
Sichelzellpatienten
müssen immer mehr trinken als die anderen: vor allem bei warmem
Wetter, Sport, körperlichen
Anstrengungen; bei Flugreisen müssen Sichelzellpatienten
zusätzlich große Mengen trinken, da die Luft im Flufzeug
sehr trocken ist.
Bei Fieber >
38,5°C
muß
der Arzt aufgesucht werden, damit festgestellt wird, ob es sich um eine
Infektion
handelt, bei der Antibiotika notwendig sind.
Bei ca. 70% der
Patienten mit schweren bzw. sehr häufigen Schmerzkrisen
können diese verhindert oder verringert werden durch
Hydroxycarbamid.
Dürfen Sichelzellpatienten Sport treiben?
Ja. Die meisten Sichelzellpatienten können und sollen Sport treiben, allerdings keinen Leistungssport. Durch die Blutarmut werden Sichelzellpatienten schneller müde bei körperlicher Anstrengung. Deshalb muß mit den Sportlehrern abgesprochen werden, dass Kinder und Jugendliche mit Sichelzellerkrankung selber bestimmen dürfen, wo ihre Grenzen sind.
Kann man die Sichelzellerkrankung verhindern?
Ja. Wenn Vater und Mutter Träger des Gens für die Sichelzellerkrankung sind, gibt es die Möglichkeit der Pränatal-Diagnose. Früh in der Schwangerschaft, zwischen der 10.-12. Woche wird ein kleines Stück Gewebe aus der Plazenta entnommen, das Zellen des Kindes enthält. Untersuchungen dieser kindlichen Zellen können zeigen, ob das Kind gesund ist, d. h. entweder nur gesunde Gene für den roten Blutfarbstoff hat oder gesunder Träger oder ob es die Sichelzellerkrankung geerbt hat. In diesem Fall kann die Schwangerschaft abgebrochen werden, um die Geburt eines kranken Kindes zu verhindern.
Kann man Kinder bekommen, wenn man die Sichelzellerkrankung hat?
Ja. Wenn jemand die
Sichelzellerkrankung hat und Kinder haben möchte, ist es unbedingt
notwendig, durch eine Hämoglobin-Analyse
herauszufinden, ob der Partner (die Partnerin) eventuell Träger
der
Erkrankung ist. In einem solchen Fall besteht die Möglichkeit,
daß
ein krankes Kind geboren wird, da vom Elternteil, das die
Sichelzellerkrankung
hat, ja nur das Sichel-Gen vererbt wird. Es sollte deshalb unbedingt in
der
Früh-Schwangerschaft die Pränatal-Diagnostik
durchgeführt
werden. Ist der Partner eines Sichelzellpatienten kein Träger,
sind
alle Kinder dieses Paares Träger, haben also nicht die Erkrankung.
Frauen mit
Sichelzellerkrankung haben oft in der Schwangerschaft mehr
Schmerzkrisen oder andere Krankheits-Komplikationen. Es können,
ausser im letzten Drittel der Schwangerschaft, die
gleichen Schmerzmittel genommen werden wie vor der Schwangerschaft.
Schwangere, die eine Sichelzellerkrankung haben, müssen in der
Schwangerschaft sehr sorgfältig überwacht werden.
Abb.3 links
(oben) : Sichelzellpatient (SS) mit
Partner, der Träger (AS) ist:
Kinder sind krank (SS) oder Träger (AS)
Abb.3 rechts (unten)
:
Sichelzellpatient (SS) mit gesundem Partner (AA): Alle Kinder
sind
Träger (AS)
Internet Neufassung herausgegeben Juli 2010 vom
Sichelzell-Informationszentrum für Deutschland:
Dr. med. Roswitha
Dickerhoff
Klinik für
Kinder-Onkologie,-Hämatologie und Klin. Immunologie
Universität Düsseldorf
Moorenstr. 5
40225 Düsseldorf
Tel. 0211-81-18590
Fax 0211-81-16206
e.mail: roswitha.dickerhoff@med.uni-duesseldorf.de
oder
e.mail: Sichelzellstudie(at)uni-bonn.de
Bemerkung: die
Bezeichnung (at) wurde statt @ verwendet um Spam zu
unterdrücken !
Prof. Dr.Dr. Alexander
von Ruecker
Schwerpunkt Hämatopathologie
Institut für Pathologie
Universität Bonn
Sigmund-Freud-Strasse 25
53105 Bonn
Seit 2008 gibt es in
Deutschland eine Selbsthilfegruppe
für Sichelzell - und Thalassämiepatienten
Weitere
nützliche Verbindungen (auch in anderen Sprachen) unter:
http://www.ist-ev.org/weiterfuehrende-links.html